Radfahren auf dem Ring – alles easy, solange man nicht links abbiegt.

Park(ing) Day auf dem Südring 2016

Bild: Park(ing) Day1 auf dem Südring 2016

Mit dem Fahrrad auf dem Bochumer Innenring zu fahren, ist weder schwierig noch gefährlich.
Das Rezept ist einfach und von der StVO vorgegeben: Man fährt einfach in der Mitte des rechten Fahrstreifens. Von rechts parkenden Autos hält man einen Meter Abstand, einen Meter braucht man selbst und der vorgeschriebene Überholabstand beträgt anderthalb Meter. Schon ist von dem Fahrstreifen nichts mehr übrig.

Man darf nur nicht auf die Idee kommen, nach links abbiegen zu wollen.
Das gleiche gilt auch für alle Zufahrten zum Ring von den Radialstraßen aus.

Umgekehrt bedeutet das: Wenn der Ring Radwege bekommen soll, muss man zuallererst auf die Führung der Linksabbieger achten. An jedem einzelnen Knotenpunkt und natürlich getrennt für jede Fahrtrichtung.

Wenn man sich allerdings ansieht, wie Bochum mit links abbiegenden Radfahrenden umgeht, lässt das das Schlimmste befürchten. Mit der Sachkenntnis der Bochumer Verkehrspolizisten sieht es auch nicht besser aus, wenn ich eigene Erfahrungen zu Grunde lege.

Vor über 60 Jahren wurden die am Südring vorhandenen Radwege zu Parkstreifen deklariert. Von da an mussten Schüler auf dem Weg zum Gymnasium am Ostring auf der Fahrbahn fahren.

Südring 1962: Auf Radweg dürfen Pkw in Längsrichtung parken.
Südring 1962: »Auf Radweg dürfen Pkw in Längsrichtung parken«. (Bild: Stadt Bochum)

Wahrscheinlich wollte man ihnen das Rad fahren einfach austreiben. Wenn Schüller nicht mehr mit dem Rad fahren, stirbt die Fahrradkultur. Die RUB wurde dann ganz konsequent von vornherein fahrradfrei geplant. Bis 1988 wäre das Vergraulen des Radverkehrs auch beinahe gelungen. Dann kam das Pilotprojekt.

Nahmobilität erfordert Durchlässigkeit

»Die Förderung der Nahmobilität ist das Kernthema der AGFS« in NRW2. Nahmobilität umfasst die nicht motorisierte Mobilität, also zu Fuß gehen, Rad fahren, Skate- und Kickbord oder Inliner fahren. Bochum ist seit 2016 AGFS-Mitglied. Nordrhein-Westfalen ist seit 2021 das erste Flächenland, das ein Gesetz zur Förderung des Radverkehrs und anderer Formen der Nahmobilität (FaNaG) verabschiedet hat3

»Komfortnetze für die Nahmobilität müssen durchlässig, durchgängig und selbsterklärend sein.«4

Radfahren ist Nahmobilität. Also muss man vom Ring aus mit dem Rad jede Nebenstraße mit dem Rad erreichen können. Genauso muss es an jdem Knotenpunkt möglich sein, den Ring zu queren. Das ist heute nicht möglich.

Der Südring

Für den Südring sind Radwege eine beschlossene Sache. Aber es gibt immer noch keine Pläne. Der Südring muss allein schon deswegen Radweg haben, weil die Universitätsstraße und der Hauptbahnhof nur über Südring erreichbar sind. Umgekehrt führt kein Weg von der Universitätsstraße zum »Radkreuz«, außer dem Südring. Aber die Radwege am Südring müssen von der Rottstraße bis zum Nordbahnhof führen.

Übereckbeziehungen mit hohem Bedarf sowohl im Quell- als auch im Zielverkehr bestehen
zwischen der Viktoriastraße und dem Hauptbahnhof sowie von der Rottstraße
über den Hauptbahnhof bis zum neuen Justizzentrum, weil auf diesen Verbindungen
wichtige städtische Ziele liegen. Dem Südring kommt demnach die höchste Priorität
zu.

ISEK Innenstadt (2021) S. 78

Die Rottstraße ist vom und zum Westpark die einfachste und direkteste Strecke.
Das Justizviertel mit dem Nordbahnhof und der geplanten Weiterführung der Springorum-Trasse ist nur über den Ostring zu erreichen.

Fahrtrichtung Ost: Rottstraße bis Nordbahnhof.

Alle rechts gelegenen Straßen sind mehr oder weniger leicht erreichbar.
Schwierig wird es links: Westring, Viktoriastraße, Luisenstraße, Hellweg, Massenbergstraße (Boulevard), Scharnhorststraße, Weilenbrink.

Fahrtrichtung West: Nordbahnhof bis Rottstraße.

Alle rechts gelegenen Straßen sind leicht erreichbar.
Schwierig wird es links: Wittener Straße, Universitätsstraße, Rechener Straße, Brüderstraße, Viktoriastraße, Humboldtstraße, Rottstraße.

Diese Straßen sind heute kaum und teilweise gar nicht mit dem Fahrrad erreichbar. Alle großen Kreuzungen sind ganz für den Autoverkehr optimiert. Eine Radverkehrsführung gibt es nicht. Dafür aber bis zu einundzwanzig Fahrstreifen für den Autoverkehr an Viktoriastraße und Wittener Straße.

Viktoriastraße / Südring: 21 Fahrstreifen, aber kein Radweg. Mit dem Rad von der Viktoriastraße nach links abbiegen in die Rottstraße ist fast unmöglich.
Südring / Viktoriastraße: Mit dem Rad nach links abbiegen?
Südring: Mit dem Rad nach links in die Viktoriastraße abbiegen?
Universitätsstraße: Mit dem Rad nach links in den Südring abbiegen?

Aber eine Sperrung für den Autoverkehr begründet noch langen keine Sperrung für den Radverkehr. Es geht um Nahmobilität. Dafür muss das Straßensystem durchlässig und kinderleicht zu befahren sein.

Kortumstraße und Huestraße sind Fußgängerzonen und daher für den Radverkehr vernachlässigbar.

Eine Lösung für den ganzen Ring

Es gibt gleich zwei Gutachten, die beide den Innenring für überdimensioniert halten und im Ring ein Hindernis für die Stadtentwicklung sehen:

  1. ISEK Innenstadt (2021)
    Mit dem Integrierten städtebaulichen Entwicklungskonzept (ISEK) wurde ein zentraler Handlungsleitfaden zur Stärkung der Bochumer Innenstadt entwickelt.
  2. Konzept »Besser wohnen in der Innenstadt« (2025)

Der Innenstadtring ist für die Erschließung der Innenstadt durch den motorisierten Individualverkehr überdimensioniert. Mit einer Begrenzung des MIV auf die notwendigen Quell- und Zielverkehre ergeben sich für den Ring völlig neue Perspektiven.
Eine Verkehrsberuhigung, Fahrspurreduzierung und Begrünung des Innenstadtrings sind unabdingbar, um den Ring als Wohnstandort zu stärken.
Die Empfehlung, die Straßenbreite des Rings durch Begrünung und Ausdifferenzierung der Fahrspuren für alle Verkehrsteilnehmenden gestalterisch aufzulockern und neu zu sortieren, deckt sich mit der des ISEK, sowie des Freiraumkonzepts »Upgrade Grün und Spiel«.

Besser wohnen in der Innenstadt, Kap. 3.3

Bochum hat einen geschlossenen Autobahnring, über den der Verkehr um die Stadt herumfließen kann und der die äußeren Bezirke hochwertig erschließt. Der Autobahnring ist eine echte Alternative zum Durchgangsverkehr auf dem Innenstadtring.

Also kann man die äußere Fahrbahn des Innenrings gegen den Uhrzeigersinn zur Einbahnstraße machen und die innere Fahrbahn zur Fahrradstraße im Zwei-Richtungs-Verkehr mit einer großzügigen Fahrbahnbreite.
Das vereinfacht die Situation an allen Zufahrten des Rings, weil der Kfz-Verkehr – wie bei einem Kreisverkehr – nur noch nach rechts abbiegen kann und Radfahrer einfach geradeaus über die äußere Fahrbahn fahren. Auf Fahrradstraßen gilt Tempo 30.
Das bedeutet auch, dass der ÖPNV da, wo es nötig ist, weiterhin in Gegenrichtung über den Ring fahren kann. Die Parkhauseinfahrten müssen natürlich erreichbar bleiben.

In jedem Fall möglich ist ein kompletter Fahrstreifen nur für den Radverkehr. Zwei bleiben für den motorisierten Verkehr und einer würde bei Tempo 30 gemischt genutzt: Rad- und – wo nötig – Busverkehr, außerdem Liefer- und Ladeverkehr.

  1. https://de.wikipedia.org/wiki/Parking_Day ↩︎
  2. https://www.agfs-nrw.de/fachthemen/nahmobilitaet ↩︎
  3. https://www.agfs-nrw.de/fachthemen/nahmobilitaet/aktionsplandeslandesnordrhein-westfalenzumfahrrad-undnahmobilitaetsgesetzfanag ↩︎
  4. https://www.agfs-nrw.de/fileadmin/Mediathek/AGFS-Broschueren/nahmobilitaet_konkret_2015_RZ_WEB.pdf ↩︎

Eine Antwort auf „Radfahren auf dem Ring – alles easy, solange man nicht links abbiegt.“

  1. Zunächst: den Ring selber meide ich persönlich im aktuellen Zustand als Radfahrer so oft es nur geht.

    Meine Routenplanung, wenn es denn wirklich mal da lang gehen muss, berücksichtigt tatsächlich fast nur das ‚rechts abbiegen‘.
    Links abbiegen ist bei der Verkehrsdichte am Ring definitiv nicht ungefährlich.

    Mit Ausbau der Alleestr hoffe ich sehr, dass in Fortführung das viel beworbene Radkreuz in der City a) noch mehr von Radfahrern genutzt wird und b) auch deutlich mehr die verbotene Durchfahrt von PKWs an den entsprechenden Stellen kontrolliert wird!

    Die Rottstr. würde ich mir als ‚schnelle‘ Anbindung in Form einer Fahrradstraße vom Westpark Richtung HBF wünschen. Weitergehend ab der Humboldstr. natürlich mit separater und vor allem durchgehender Radspur.

    ‚Auf Fahrradstraßen gilt Tempo 30.‘….ein frommer Wunsch, in der Realität sieht das recht oft anders aus. Je breiter die Straße, desto höher das Tempo.

    Das gleich 2 neuere Gutachten vorliegen, die den Innenstadtring als überdimensioniert ansehen, zeigt doch die seit Jahrzehnten rein autozentrierte Verkehrspolitik westdeutscher Städte.

    Hoffen wir auf eine Politik mit mehr Weitsicht als in den letzten Jahrzehnten.

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