Bild: Schild »Geisterradler gefährden« an der Königsallee.
Die ich rief, die Geister werd’ ich nun nicht los.
Johann Wolfgang von Goethe, Der Zauberlehrling, 17971
Vor gut einem Jahr veranstaltete die Stadt Bochum erstmals eine durchaus aufwendige Geisterradler-Kampagne. Das Konzept stammt von der AGFS NRW, wo Bochum Mitglied ist. Die Kampagne war kurz und ohne nachhaltigen Effekt.
Strukturelle Probleme kann man eben nicht mit Aktionismus lösen.

Jetzt hat Bochum im Bereich der Bahnbrücken über die Königsallee/Viktoriastraße in beiden Richtungen permanente Geisterradler-Schilder aufgestellt. Als könnte man damit das selbst gemachte Problem lösen.
Vor 125 Jahren: Mausefalle
Die heutige Situation geht zurück bis auf die Anfänge der Eisenbahn in Bochum. Bis in die Nachkriegszeit war die Stelle als »Mausefalle« bekannt. 1899 wurde erstmals eine Unterführung gebaut. Die Breite war von Anfang an nicht ausreichend.
Nach dem 2. Weltkrieg wurde Anfang der 1950er Jahre der neue Hauptbahnhof gebaut. Alle Gleise wurden höher gelegt. Auch die »Mausefalle« wurde angehoben eine neue, breitere Unterführung mit mehreren Bahnbrücken gebaut. Der Bereich südlich der Brücken wurde städtebaulich umgekrempelt. Die Königsallee endete bis dahin stumpf an der Oskar-Hoffmann-Straße. Eine durchgehende Straßenverbindung bis zum Rathaus gab es nicht.2
Immer noch Mausefalle
Heute ist die Situation an der Schnittstelle von Königsallee und Viktoriastraße gnadenlos für den Autoverkehr optimiert. Zwischen Schauspielhaus und Humboldtstraße existieren nur Radwege im 1970er Jahre Standard: Zu schmal, verwinkelt, ohne Trennung vom Fußgängerverkehr.
Zusätzlich wurde vor kurzem unter den Brücken noch eine neue Bushaltestelle eingerichtet.
Weder die Gehwege noch die Radwege sind ausreichend breit. Querungsmöglichkeiten für Fußgänger und Radfahrer fehlen an vielen Stellen. Straßenverbindungen sind unterbrochen, Linksabbiegen aus und in die Nebenstraßen ist vielfach unmöglich.
Man muss das gesamte Umfeld betrachten: Es wimmelt von »Gehweg – Radverkehr frei«, freigegebenen linken Radwegen, fehlenden oder fehlerhaften Radwegen und ungenügender Durchlässigkeit der Verkehrsinfrastruktur.


Wie soll man von der Alten Hattinger Straße aus den Lidl Markt erreichen, ohne zum Geisterfahrer zu werden? Es geht um 140 Meter Weglänge.


Von der Alten Hattinger Straße aus kann nicht nach links abbiegen. Die ampelgeregelte Querung für Fußgänger ist für Radfahrer legal gar nicht erreichbar. Die Stadt Bochum hatte zeitweilig sogar die wahnwitzige Idee, den Radschnellweg RS1 genau über diese Fußgängerampel zu führen. Aber die Kronenstraße gegenüber ist auch nicht erreichbar.
Und man kann auch von dem gegenüberliegenden Radweg aus den Lidl-Markt legal gar nicht erreichen.
Bochum macht sich seine Geisterradler selber.

Es gibt keine Aufstellfläche für Radfahrer, die hier die Viktoriastraße queren wollen. Auch die Humboldtstraße ist von dem Radweg der Viktoriastraße aus nicht erreichbar.
Die Clemensstraße ist durch die Königsallee in zwei Hälften geteilt. Man kann mit dem Rad nicht nicht von der einen zur anderen Seite fahren. Das wird sich erst ändern, wenn der RS1 genau hier die Königsallee quert. Dann können auch Fußgänger endlich die Straße überqueren.

Übrigens genauso auf der anderen Seite der Viktoriastraße: Welchen Weg soll man denn mit dem Rad nehmen, wenn man aus dem Bermudadreieck zum Schauspielhaus fahren will? Der direkte Weg auf der falschen Seite ist 280 Meter lang.

Und wer die Fußgängerzone Kortumstraße vermeiden will, müsste über die Kerkwege fahren und am Ende links abbiegen. Das geht legal aber auch nicht.

Was ist die Alternative? Geisterradeln für alle.
An der Königsallee Richtung Schauspielhaus ist der linksseitige Radweg ab der Farnstraße durchgängig mit „Radverkehr frei“ beschildert, obwohl er nicht durchgängig und an vielen Stellen viel zu schmal ist. So produziert man Geisterradler, die sich dann vor der Apotheke am Schauspielhaus irgendeinen Weg zum Weiterfahren suchen. Was denn auch sonst?

Auf der rechten Seite gibt es keinen Radweg. Mann müsste ungesichert vier Fahrstreifen queren und auf der Fahrbahn weiterfahren.
Im Ehrenfeld gibt es Tempo-30-Zonen, in denen die Straßen so mit Autos zugeparkt sind, dass Begegnungsverkehr nicht mehr möglich ist. An manchen Kreuzungen gibt es Stoppschilder in der Tempo-30-Zone!

Auch die direkte Verbindung von der Dibergstraße über die Hattinger Straße zur Alten Hattinger Straße ist gekappt. Der Hans-Ehrenberg-Platz ist nicht für Radverkehr freigegeben.
Die neu gestaltete Kreuzung am Schauspielhaus erlaubt in keiner einzigen Richtung sicheres und einfaches Linksabbiegen für den Radverkehr.
Was ist die Folge? Radfahrende suchen sich irgendeinen sicher scheinenden Weg über die Kreuzung und werden zu Geisterradlern.
Das Geisterradler-Schild an der ehemaligen Mausefalle3 (Königsallee) ist eine symbolische Bankrotterklärung der Stadt Bochum. Man könnte es auch Zynismus nennen.
Gibt es keine Lösung?
Doch, natürlich. Es ist immer dieselbe: Weniger Fahrstreifen für den Autoverkehr, Reduzierung der Geschwindigkeit, Umverteilung der Flächen zugunsten von Fußgängern und Radfahrern. Anbindung und Erreichbarkeit aller Nebenstraßen. Radverkehrsnetze müssen engmaschig sein.
Nahmobilität eben:
Wann werden Königsallee und Viktoriastraße durchgehende Radwege haben?
- https://de.wikipedia.org/wiki/Der_Zauberlehrling ↩︎
- https://www.historisches-ehrenfeld.de/bildergalerie-bahnhof.htm (mit Kartenausschnitt des Deutschen Radfahrer-Bundes, um 1920) ↩︎
- https://bochumer-nahverkehr.de/bochum-nahverkehr-mausefalle/
https://www.waz.de/staedte/bochum/article9026080/als-die-mausefalle-noch-offen-war.html ↩︎
Hach ja, Bochum! Ein Paradies für Geisterradler, wenn auch Zufall oder Absicht? Ich finds komisch, dass man für 140 Meter zur Lidl-Ampel zum Geisterfahrer werden muss, während die Stadt bei der Mausefalle schon fast eine Satire schreibt. Vielleicht sollten sie mal versuchen, die Radwege wirklich durchgängig und breit zu machen, statt dass man sich ständig um die Ecke quetscht. Gehweg Radverkehr frei – das klingt fast wie ein Scherz. Na ja, wer sagt, dass man das Umfeld nicht betrachten muss? Aber bis die Stadt das verstehen lernt, bleibt es ein lustiges Abenteuer, das Rad zu fahren!