Nadelöhr Gerthe Mitte

Castroper Hellweg. Haltestelle Gerthe Mitte 2012.

Bild: Bus- und Straßenbahnhaltestelle Gerthe-Mitte am Castroper Hellweg (2012)

Die barrierefreie Haltstelle als Barriere für den Radverkehr

Bis Ende 2025 war Susanne Düwel Leiterin des Tiefbauamts in Bochum. Nach eigenen Angaben ist sie überzeugte Radfahrerin und erledigt möglichst viele Fahrten mit dem Rad. »Nur bei Schnee und Eis lasse ich das Fahrrad stehen«, sagte die Amtsleiterin. Sie fuhr mit dem Rad zur Arbeit.1

Pünktlich um 7.00 Uhr ist Susanne Düwel in Castrop-Rauxel von ihrem Zuhause im Stadtteil Rauxel gestartet.

Ernüchternd ist die Ankunft in Bochum-Gerthe am Castroper Hellweg:

„Leider geht hier im wahrsten Sinne des Wortes ‚kein Weg dran vorbei‘, wenn ich von Castrop-Rauxel in die Bochumer City möchte“

Susanne Düwel, Oktober 2023.

An der Bus- und Straßenbahnhaltestelle Gerthe-Mitte gibt es keinen Radweg. Man darf lediglich als Radfahrer den viel zu engen Gehweg mitbenutzen. Straßenbahnen konkurrieren auf der Straße mit dem Autoverkehr und Linienbussen.

Diese Stelle ist für alle Verkehrsteilnehmenden völlig unübersichtlich und stark verbesserungsbedürftig.

Wer Gerthe liebt, der schiebt?

Die Leiterin des Tiefbauamts meint dazu: Wer die Stelle sicher passieren möchte, sollte sein Rad am besten ein Stück schieben, um nicht von Autos oder Bussen erfasst zu werden und die ein- und aussteigenden ÖPNV-Teilnehmenden nicht zu gefährden.

Die direkt an die Straße grenzende enge Wohnbebauung mache es den Planerinnen und Planern nicht leicht.

Hier müssen Radfahrende wahrscheinlich in Zukunft Umwege über Nebenstraßen in Kauf nehmen, um sicher ans Ziel zu kommen, der Verkehrsraum muss völlig neu aufgeteilt werden.

Hartmut Möller von NRW.URBAN

Gefahr erkannt, Problem vertagt

Geschehen ist nichts, obwohl das Problem selbstverständlich Jahrzehnten bekannt war.
Bis zum Bau der Stadtbahnstrecke I fuhr die Straßenbahn über die Lothringer Straße und hatte eine Haltestelle am Eingang zur Zeche Lothringen. Die erste Stadtbahn-Strecke, die Linie 308/318 wurde 1979 fertiggestellt – mit Nadelöhr.
Der barrierefreie Ausbau der Bus- und Straßenbahnhaltestelle hat das Problem verschärft. Die Bahnsteigkante musste direkt an das Gleis vorgezogen werden. Seitdem ist dort kein Platz mehr für Fahrräder.

Barrierefreie Bus- und Straßenbahnhaltestelle Gerthe Mitte: Für Radfahrer eine massive Barriere.

Die einzige Alternative wäre gewesen, den Radverkehr auf einem Radweg entlang der Bordsteinkante zu führen. Wie jetzt an der neuen Haltestelle Watermanns Weg.
Womöglich hätte der verfügbare Seitenraum aber nicht ausgereicht.

Neue Haltestelle Watermanns Weg an der Ückendorfer Straße (2025)

Auf der Fahrbahn kann man nicht Rad fahren. Bochum hat Meterspur. Da ist zwischen den Schienen nicht genug Platz. Rechts daneben auch nicht. Allenfalls mitten auf der Fahrbahn könnte man mit dem Rad fahren. Praktisch ist das nicht möglich: Es gibt Gegenverkehr.

Diese komplexe Situation birgt zahlreiche Konflikte zwischen allen Verkehrsteilnehmenden (Kfz-, Straßenbahn-, Rad- und Fußverkehr).

Verkehrskonzept Bochum Nord (2019)2
Richtung Bochum: Wo ist die Radverkehrsführung?

»Nahezu 50 % der Verkehrsunfälle im Stadtbezirk Bochum Nord mit leicht- bzw. schwerverletzten Personen im Zeitraum zwischen 2014–2016 traten in diesem Abschnitt auf.«

Sollte man im Haltestellenbereich eine Pförtnerampel (»Zuflussregelungsanlage«) installieren, die die Fahrbahn exklusiv für Radfahrer jeweils nur in einer Richtung freigibt?

Das Problem beginnt schon vorher

Der Knotenpunkt des Castroper Hellwegs mit der Heinrichstraße bietet aus mehreren Perspektiven Handlungsbedarf.
Akut problematisch zeigt sich die Verkehrssituation auf dem Castroper Hellweg in Richtung Norden (Gerthe Mitte) unmittelbar nach der Knotendurchfahrt, da an dieser Stelle die Kfz-Fahrbahn auf einen Fahrstreifen verengt wird, die Straßenbahn in den Kfz-Fahrbahnbereich einschwenkt, der zuvor getrennt geführte Radverkehr von rechts ebenfalls auf die Fahrbahn geführt wird und darüber hinaus häufig falsch parkende Pkw bis in den Knotenbereich festgestellt werden können. Insbesondere für den Radverkehr ergeben sich hier regelmäßig kritische Situationen, da die Führungsform abrupt endet und bei einer zulässigen Höchstgeschwindigkeit von 50 km/h in den Mischverkehr übergeht.

Verkehrskonzept Bochum Nord (2019)

Je weiter man zurückgeht, desto mehr Problemstellen tun sich auf. Das Problem Castroper Hellweg beginnt am Anfang der Straße und endet erst an der Stadtgrenze zu Castrop-Rauxel.

Klar ist nur eins: Der Castroper Hellweg muss auf der gesamten Länge beidseitig einwandfreie Radwege haben.

Die kurzfristige Lösung: Umfahrung mit Fahrradstraße

Die rot markierte Strecke (Henrichstraße und Gerther Straße) muss zur Fahrradstraße werden. Die Kreuzungen an beiden Enden müssen so umgestaltet werden, das Linksabbiegen im Wortsinn kinderleicht wird.

Kreuzung mit der Sodinger Straße

An der Kreuzung mit der Sodinger Straße steht nicht zufällig ein Ghostbike: Die Kreuzung ist lebensgefährlich. Gerther Straße und Sodinger Straße münden versetzt in den Castroper Hellweg. Das führt immer zu gefährlichen Kreuzungen, weil die Wege über die Kreuzung nicht mehr vorhersehbar sind.

Statt sich auf utopische Velorouten zu fixieren, die gar nicht machbar sind, täte die Stadt Bochum gut daran, sich auf die drängendsten Probleme zu konzentrieren.

Die Umfahrung der Haltestelle Gerthe Mitte ist einfach und schnell machbar. Bochum guckt seit 15 Jahren nur zu. Es ist Zeit, zu handeln.

  1. https://nrw-urban.de/mit-pedalkraft-uebern-eselsberg-rad-und-gehwege-check-in-castrop-rauxel-und-bochum/ ↩︎
  2. https://www.bochum.de/C125830C0042AB74/vwContentByKey/W2CUT7YL932BOCMDE/$FILE/2_Verkehrskonzept_Bochum_Nord_Bericht.pdf ↩︎

2 Antworten auf „Nadelöhr Gerthe Mitte“

  1. Tim Rollmann sagt:

    Ich fahre nach Castrop einfach über die Bahntrassen und durch das Naturschutzgebiet „Wagenbruchquellen“.

    Dank Ebike bin auch für Umwege bereit.

    Auf so einer Todeszone wie dem Castroper Hellweg radle ich bestimmt nicht.

    In der Tat wäre es aber echt wünschenswert, man müsste sich nicht als Radler überall sichere Wege durch Seitenwege suchen.
    Das nervt.
    Letzendlich muss ich eben auch viel durch Parks, Wälder & co fahren und merke, dass man da als Radfahrer oft genervte Blicke kriegt.

    In Ehrenfeld in dem kleinen Park „Wiesenstraße“ neben den Tennisplätzen/ der Hundewiese, legt irgendwer seit 2 Jahren Brombeeräste auf den Weg.
    Ich räume die immer mal weg, zwei Tage später liegen da neue Brombeeräste.
    Ich nehme an, das gilt Radfahrern.

  2. Umleitungsstrecken machen das Problem für die Stadtpolitik und -verwaltung weniger drängend, zumal fraglich ist, ob so ein Umweg angenommen wird. Ortskundig würde ich solche Stellen in stauanfälligen Zeiten eh meiden, und ansonsten an der Haltestelle mit geringer Geschwindigkeit passieren. Es gibt viele Städte, in denen es viel Radverkehr und Meterspur gibt. Natürlich gibt es ein erhöhtes Risiko, aber eine grundsätzliche Unverträglichkeit sehe ich nicht. Damit liefert man nur ein Argument dafür, den Radverkehr ganz zu verbieten oder wie in Langendreer nur auf dem Gehweg zuzulassen.

    Wenn die Bilder bei StreetView stimmen, ist die Umleitungsstrecke streckenbezogene Höchstgeschwindigkeit von 30 km/h, Verkehrsberuhigter Bereich, Fußgängerzone Radverkehr frei. Warum braucht es da eine Umflaggung, die viel Geld kostet, dass dann für andere Maßnahmen nicht mehr verfügbar ist?

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