Wittener Straße und Veloroute #2 – Die Widersprüche bleiben

Geh- und Radweg an der Wittener Straße / A43

Bild: Der gemeinsame Geh- und Radweg an der Wittener Straße im Bereich A43: Wo ist hier das Problem?

Neue Planung: Gute Lösung oder fauler Zauber?

Bei der Planung der Radverkehrsführung an der Wittener Straße im Bereich Ümminger See hat die Verwaltung jetzt plötzlich eine Kehrtwende vollzogen. Was vorher vehement abgelehnt wurde, ist jetzt beschlossene Sache.

Die vorher unbeirrbar vorgetragenen Argumente gegen beidseitige Radfahrstreifen zwischen Alte Wittener Straße und Ümminger Straße sind vom Tisch. Aber was ist dadurch besser geworden?

Welcher Radweg ist benutzungspflichtig?

Tatsächlich hat die neue Lösung ein neues Problem geschaffen: Wenn es auf der einen Seite einen Zwei-Richtungs-Radfahrstreifen und auf der anderen Seite einen normalen Radfahrstreifen gibt: Welcher Radweg ist dann benutzungspflichtig?

Nur fahrbahnbegleitende Radwege können benutzungspflichtig sein. Radfahrstreifen sind immer fahrbahnbegleitend und daher benutzungspflichtig. Erst durch die Beschilderung werden sie zu Sonderwegen für den Radverkehr, die von Kfz nicht benutzt werden dürfen – weder zum Fahren, noch zu Halten oder Parken. Die logische Folge: Es kann immer nur ein Weg benutzungspflichtig sein.

Soll also jetzt der Radfahrstreifen auf der nördliche Seite (Ümminger See) in der einen Richtung benutzungspflichtig sein, in der Gegenrichtung aber nicht, weil es Richtung Langendreer ja auch einen Radfahrstreifen gibt?

Die Beschlussvorlage1 löst den Widerspruch nicht auf. Von einem benutzungspflichtigen Radfahrstreifen ist nur auf der südlichen Seite der Wittener Straße (Richtung Langendreer) die Rede – und das auch nur zwischen Alte Ümminger Straße und Universitätsstraße. Sollte die erste Hälfte von der Alten Wittener Straße aus etwa nicht benutzungspflichtig sein? Dann wäre es kein Radfahrstreifen.

Auf der Planzeichnung2 wimmelt es nur so von Radwegschildern. Richtung Langendreer sind beide Radwege als benutzungspflichtig ausgeschildert. Das ist unzulässig.

Alle Probleme, die der Zwei-Richtungs-Radfahrstreifen auf der nördlichen Seite verursacht, bleiben unverändert bestehen. Es soll auf diesem Straßenabschnitt auch weiterhin Tempo 70 erlaubt sein.
Wer will da – auch bei Dunkelheit, Wind und Regen nur durch eine symbolische Barriere vom rasenden Autoverkehr in Gegenrichtung getrennt – mit dem Rad fahren?

Um ein Ausweichen im Havariefall zu ermöglichen, wird der angrenzende bauliche Zweirichtungsradweg mit Flachborden eingefasst, um eine eingeschränkte Überfahrbarkeit zuzulassen.

(Beschlussvorlage 20260367)

Zudem wechselt die Führungsform des Radverkehrs auf dem kurzen Abschnitt gleich mehrfach zwischen gemeinsamem Geh- und Radweg, Zwei-Richtungs-Radfahrstreifen und Radfahrstreifen auf der anderen Straßenseite.

An der Alten Ümminger Straße endet der Zwei-Richtungs-Radfahrstreifen und Radfahrende müssen die Straßenseite wechseln. Falls sie vom Kemnader See her kommen, zum zweiten Mal.3

Die Beschlussvorlage bezieht sich genau ein Mal halbherzig auf die angedachte Veloroute #2 des Tiefbauamts. Damit wird die teilweise (!) Trennung von Geh- und Radverkehr auf dem jetzigen Geh- und Radweg auf der nördlichen Seite begründet.

Parkway Emscher-Ruhr

Von dem Parkway Emscher-Ruhr, der vom Ümminger See kommend dem Oelbach weiter Richtung Kemnader See folgt, ist überhaupt keine Rede. Aber für genau diesen Weg ist der kurze Abschnitt des gemeinsamen Geh- und Radwegs von der Ampelanlage im Bereich Alte Wittener Straße bis zum Abzweig Richtung Ümminger See (weit vor der Alten Ümminger Straße) wichtig. Und es gab noch nie Probleme damit. Für diese Wegbeziehung am Oelbach entlang hat die neue Planung nur Nachteile.
Mich würde nicht wundern, wenn insbesondere Erwachsene in Begleitung von Kindern auch nach dem auswendigen Umbau genau so weiter fahren wie bisher: Durch einen Grünstreifen deutlich von der Fahrbahn getrennt auf dem Gehweg.

Nur auf den 500 Metern Weg von der Alten Wittener Straße bis zum Abzweig hinter der A43 wird der Geh- und Radweg gebraucht – weil es hier keinen Weg am Oelbach entlang gibt.4

Wozu das Ganze also?

Je ein durchgehender Radfahrstreifen auf jeder Seite der Wittener Straße, ergänzt durch einen nicht benutzungspflichtigen Geh- und Radweg auf der nördlichen Seite würde alle Probleme elegant lösen.
Alles andere ist pure Ideologie.

Der ganze Straßenabschnitt in der OpenStreetMap (Tracestrak Topo)5

Kann das überhaupt eine Veloroute sein?

Das Radverkehrskonzept (RVK) von 2023 hat die Messlatte für Velorouten unerreichbar hoch gelegt.
Laut RVK müssten alle Velorouten durchgehend Radschnellwege abseits von Hauptverkehrsstraßen sein. Die wesentlichen Kriterien sind anders nicht erfüllbar.
Der bizarre Streit um die Wittener Straße im Bereich Ümminger See zeigt das überdeutlich. Auch die jüngste Kehrtwende der Stadt Bochum ändert daran nichts.6
Dabei wäre es einfach, wenn man pragmatisch vorgeht. Aber das ist nicht vorgesehen.
Im Grunde geht es bei den Velorouten um die Verteidigung der Autostadt Bochum.
Nur so ist zu erklären, warum von den im RVK genannten Kriterien am Ende immer nur eins übrig bleibt: Velorouten müssen abseits von Hauptverkehrsstraßen verlaufen.

Alle anderen, nämlich die am Radverkehr orientierten Kriterien, werden dem geopfert.
Übrig bleibt der Vorrang des Autoverkehrs auf den Hauptverkehrsstraßen. Der wird verteidigt. Das ist der eigentliche Vorbehalt im Vorbehaltsnetz.

Die Beschlussvorlage und der WAZ-Artikel dazu zeigen das erneut.

  • Entspannt nebeneinander fahren: unmöglich.
  • Trennung von Fuß- und Radverkehr: unmöglich auf den Wegen am Oelbach und Langendreer Bach.
  • Reisegeschwindigkeit wie auf Radschnellwegen: unmöglich.
  • Und hier: „abseits von Hauptverkehrsstraßen“: auch bei der so hartnäckig verteidigten Planung unmöglich: Es gibt keinen durchgehenden Weg entlang des Oelbachs.

Die pragmatische Lösung für eine Freizeitroute:
1. Von der Alten Wittener Straße bis hinter die A43: weiter wie bisher.
2. Von der A43 bis zur Alten Bahnhofstraße: strikt am Oelbach und Langendreer Bach entlang. Immer auf derselben Seite.
3. Von da an teilen sich die Wege.

Hier fehlt die Brücke über den Oelbach. Mit einer Brücke an dieser Stelle könnte man endlich »einfach geradeaus fahren« (OpenStreetMap)

Einfach geradeaus fahren?

Das eigentliche Problem an der Wittener Straße ist die Barriere durch die A43 mit der obsoleten Hochgeschwindigkeitsanbindung der Stadtstraße Wittener Straße an das Autobahnkreuz Bochum/Witten.

Einfach geradeaus fahren bleibt auf der Wittener Straße für Radfahrende ein Traum.
Autofahrer finden das selbstverständlich.

  1. https://bochum.ratsinfomanagement.net/sdnetrim/UGhVM0hpd2NXNFdFcExjZS5HJa0fkyFe_0f9DYJMt2AbkQmKpNSGp9Mr7-ZmoihK/Beschlussvorlage_der_Verwaltung_20260367.pdf ↩︎
  2. https://bochum.ratsinfomanagement.net/sdnetrim/UGhVM0hpd2NXNFdFcExjZRGp5vEZH3cCNvMDclHhGkmf-Uiy0NfCuHxUkRL2KS1z/Lageplaene.pdf ↩︎
  3. https://bochum.ratsinfomanagement.net/sdnetrim/UGhVM0hpd2NXNFdFcExjZRGp5vEZH3cCNvMDclHhGkmf-Uiy0NfCuHxUkRL2KS1z/Lageplaene.pdf ↩︎
  4. https://www.openstreetmap.org/directions?engine=graphhopper_bicycle&route=51.463653%2C7.282557%3B51.464475%2C7.289933#map=18/51.463852/7.286462&layers=P ↩︎
  5. https://www.openstreetmap.org/#map=16/51.46627/7.28670&layers=P ↩︎
  6. https://www.waz.de/lokales/bochum/article411270462/streit-um-radweg-auf-wittener-strasse-in-bochum-ploetzlich-geht-es-doch.html (WAZ+) ↩︎

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