Bild: Die Unfallstelle Sudholzstraße 132 (am 7.1.2026)
Am 1. Mai 2026 gab es in Höhe der Sudholzstrasse 132 in Bochum Oberdahlhausen einen Dooring-Unfall, bei dem der verunfallte Radfahrer schwer verletzt wurde.
Der schwerverletzte Radfahrer befindet sich auch eine Woche nach dem Unfall immer noch im Krankenhaus.
Der Unfall ist in mehrfacher Hinsicht besonders bemerkenswert:
- Der Unfall geschah in einer Tempo-30-Zone.
- Der Radfahrer (58 J.) war versiert, gut trainiert, sportlich und erfahren – ein ehemaliger Olympiateilnehmer.
- Es gab keine Polizeimeldung zu dem Unfall. Die Polizei war aber vor Ort und hat den Unfall aufgenommen.
- Es gab keinerlei Berichterstattung zu dem Unfall.

Parkende Fahrzeuge stellen grundsätzlich ein Risiko für Radfahrende dar.
Der Leiter der UDV, Siegfried Brockmann, 2017
Tempo 30 allein schützt nicht vor schweren oder sogar tödlichen Fahrrad-Unfällen.
Das Besondere an Dooring-Unfällen ist, dass sie vom Autoverkehr verursacht werden, das verursachende Auto fährt aber gar nicht. Es steht.
Dooring-Unfälle werden durch Autotüren versuracht, die sich unvorhersehbar »plötzlich« öffnen. Das kann auf der Fahrerseite, aber auch auf der Beifahrerseite geschehen. Es kann sich um eine vordere, aber auch um eine hintere Tür handeln. Viele Autos haben vier Türen und Beifahrer und andere Mitfahrer sind beim Aussteigen oft besonders sorglos, Kinder zum Beispiel.
Eine typische Autotür ist etwa einen Meter breit. Bei zweitürigen Autos ist die Fahrertür aber schon bei Kleinwagen oft 1,25 m breit.
Radfahrer können sich vor solchen unvorhersehbaren Situationen kaum schützen.
Bedingt durch die Kopfstützen im Auto und abgedunkelte Scheiben ist von hinten seitlich oft gar nicht erkennbar, ob sich jemand im Auto befindet und ob jemand aus dem Auto aussteigen könnte.
Wenn sich die Türe öffnet, ist es zu spät. Autotüren können über einen Meter breit sein und sie werden oft schwungvoll geöffnet.
Die Unfallforschung der Versicherer hat diese Situation untersucht und kam zu dem Schluss, dass Radfahrer schon beim einer Geschwindigkeit von unter 20 km/h keine Chance haben, noch auszuweichen.
So war in der Detailanalyse der Anteil der Dooring-Unfälle an den identifizierten Parken-Unfällen mit 41 Prozent besonders hoch. Fast drei Viertel der Dooring-Unfälle ereigneten sich hier an Strecken, in den der Radverkehr im Mischverkehr auf der Fahrbahn fährt. Weitere 16 Prozent der Unfälle ereigneten sich an Straßen mit Radfahrstreifen. In 14 der 17 Fälle war hierbei kein Sicherheitstrennstreifen zu den parkenden Fahrzeugen vorhanden.1
Auch wichtig: »Insgesamt jeder fünfte Dooring-Unfall in den Untersuchungsgebieten ereignete sich auf Straßen mit fahrbahnbündigen Straßenbahngleisen.« Auf solchen Straßen können Radfahrer sehr oft keinen ausreichenden Abstand zu parkenden Fahrzeugen einhalten. Siehe Dorstener Straße in Bochum.
Radfahrende können meistens weder rechtzeitig bremsen noch ausweichen, wenn sich eine Autotür urplötzlich vor ihnen öffnet.
Tritt ein Radfahrer mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit zwischen 18 und 20 Stundenkilometern in die Pedale, müsste er noch mindestens elf Meter von der sich öffnenden Fahrzeugtür entfernt sein, um noch rechtzeitig zum Stillstand kommen zu können.
Jörg Ortlepp (UDV)
Diese benötigte Distanz zum Fahrzeug sei im realen Alltagsverkehr jedoch in den seltensten Fällen vorhanden. Ein Ausweichmanöver kommt wegen überholender Fahrzeuge oft genauso wenig in Frage.
»Daher ist es für Radfahrer nahezu unmöglich, einen Zusammenstoß mit der Fahrzeugtür zu vermeiden«, so Ortlepp. »Im Bereich von sechs, sieben Metern vor dem Fahrzeug habe ich dann überhaupt keine Chance mehr und pralle fast ungebremst gegen die Tür.«
Laut UDV ist etwa jeder zweite Unfall zwischen einem Radfahrer und einem geparkten Auto ein Dooring-Vorfall. Die UDV geht davon aus, dass innerorts fast jeder fünfte Unfall von Radfahrern und Fußgängern mit geparkten Autos zusammenhängt.
Dooring-Unfälle sind im städtischen Radverkehr nicht der häufigste Unfalltyp, aber solche Situationen enden oft mit schweren oder gar tödlichen Verletzungen.
Das zeigt nicht nur dieser Unfall in Bochum, sondern auch ein vorhergehender Unfall an der Essener Straße am 15. April und der tödliche Unfall der Schauspielerin Wanda Perdelwitz im September 2025 in Hamburg.
Die Verletzungen des Radfahrers bei dem Unfall auf der Sudholzstraße, aber auch der Unfall in Hamburg, lassen darauf schließen, dass in beiden Fällen die Radfahrenden nicht mit der Fläche der voll geöffneten Tür, sondern mit der Kante der sich öffnenden Tür kollidiert sind. Es geht oft nur um Zentimeter.
In Tempo-30-Zonen sind 30 km/h auch für Radfahrer erlaubt und möglich.
Es gibt nur eins, das zuverlässig vor Dooring-Unfällen schützt: Abstand.
Die Rechtsprechung verlangt von den Radfahrenden, überall da, wo es möglich und zumutbar ist, einen Meter Abstand von parkenden Autos.
Die Fahrbahn der Sudholzstraße ist an der Unfallstelle 6,60 m breit. Wenn rechts auf der Fahrbahn ein zwei Meter breites Auto steht, der Radfahrer einen Meter Abstand hält und selbst einen Verkehrsraum von einem Meter benötigt, bleiben für den Gegenverkehr 2,60 m übrig. Aber an der linken Seite der Straße gibt es einen Parkstreifen. Also halten Autofahrer Abstand. Für einen Sicherheitsabstand zwischen dem Gegenverkehr und dem Radfahrer bleibt dann kein Platz mehr. Zudem macht die Straße hier eine leichte Rechtskurve. Der Radfahrer weicht nach rechts aus und gerät in die Dooring-Zone.
An einem Dooring-Unfall im Mischverkehr können bis zu drei Autos beteiligt sein: Das stehende Auto rechts, ein entgegenkommendes Auto von vorn und ein von hinten kommendes Fahrzeug.
Ein Radfahrer wird in die Zange genommen. Genau dann öffnet sich die Tür.
»Fast drei Viertel der Dooring-Unfälle ereigneten sich an Strecken, in den der Radverkehr im Mischverkehr auf der Fahrbahn fährt«, sagt die UDV.

Das bedeutet, dass Radfahrende in Tempo-30-Zonen oft im wahrsten Sinn des Wortes »mitten auf der Straße« fahren müssen. Von den entgegenkommenden Autofahrern wird das sehr oft nicht toleriert. Sie fahren dann mit unverminderter Geschwindigkeit auf den Radfahrer zu.
Das ist schwer auszuhalten. Wer sich nicht traut, fährt dann mit dem Rad so weit rechts wie möglich und mitten in der Dooring-Zone.
Ich habe es selbst ausprobiert und auf der Sudholzstraße versucht, den Ein-Meter-Abstand zu den parkenden Kfz konsequent einzuhalten. Wenn ich hinter mir ein Auto kommen hörte oder ein entgegenkommendes Auto sah, wurde das psychologisch sehr schwierig.
Die FGSV verlangt deshalb mittlerweile überall da, wo Autos parken, einen markierten Sicherheitstrennstreifen von 0,75 m Breite – auch da, wo es keinen baulichen Radweg oder Radfahrstreifen gibt.
Also auch in Tempo-30-Zonen. Mir ist in ganz Bochum kein solcher Sicherheitstrennstreifen bekannt. Selbst auf Hauptverkehrsstraßen mit Radwegen oder Radfahrstreifen fehlt der Sicherheitstrennstreifen oft ganz oder ist regelwidrig und zu schmal ausgeführt.
Bestes Beispiel ist die einzige Bochumer Straße mit durchgehenden Radwegen: Die Herner Straße hat nirgendwo einwandfreie Sicherheitstrennstreifen und in Teilen gar keine.
Das hat dort schon zu Unfällen geführt, von denen mindestens einer um Haaresbreite tödlich ausgegangen wäre. Der Radfahrer ist auf die Fahrbahn gestürzt – vor einen Lkw.
Gute Besserung an den Mann.
Die fehlende Berichterstattung zu Unfällen ist mir auch aufgefallen.
2025 wurden in Bochum alleine 147 Kinder unter 12 Jahren von PKWs angefahren.
Dazu kommt noch eine mir unbekannte Zahl von Ü12 Menschen.
Lesen tut man davon auf dem Polizei-Presseportal nahezu gar nichts.
Übrigens wurde mein Kind beim Überqueren einer Straße in Ehrenfeld erst vor 3 Stunden von einem abbiegenden Autofahrer ignoriert.
Alltag in Bochum.