Vor knapp 90 Jahren hat die nationalsozialistische »Reichsarbeitsgemeinschaft Schadenverhütung« der kaum motorisierten Bevölkerung in einer Broschüre »Zehn Gebote für Radfahrer« vorgestellt.1

„Vollgas Voraus“
Seit den späten 1920er Jahren war Adolf Hitler von der Vorstellung einer Massenmotorisierung fasziniert.
Kurz nach der Machtergreifung der NSDAP fand vom 11. bis 23. Februar 1933 in Berlin die 23. Internationale Automobil- und Motorrad-Ausstellung unter dem Motto „Vollgas Voraus“ statt.
Am 7. März 1934 sprach sich Hitler auf der Internationalen Automobilausstellung in Berlin erstmals öffentlich für die Entwicklung eines preisgünstigen »Volkswagens« aus. Die propagandistisch inszenierte Grundsteinlegung für das größte Automobilwerk Europas erfolgte am 26. Mai 1938.
Im Deutschen Reich gab es bis zu Kriegsbeginn 1939 nur etwa 0,7 Millionen Pkw. Von einer Massenmotorisierung konnte keine Rede sein. Heute gibt es in Deutschland knapp 50 Millionen Pkw.
Trotzdem zielten die »Zehn Gebote für Radfahrer« schon 1938 vor allem darauf ab, die Straßen für den motorisierten Verkehr frei zu machen. Radfahrer sollten sich den Interessen der angestrebten Massenmotorisierung unterordnen.
Der ausgewiesene Radverkehrsexperte Volker Briese2 hat keine Belege dafür gefunden, dass am Beginn der Diskussion um besondere Wege für Radfahrer Sicherheitsaspekte eine wichtige Rolle spielten:
»Die frühen Radfahrwegekonzepte zielten vielmehr auf für Fahrräder besser, d.h. leichter und komfortabler, befahrbare Wege, als es die damaligen, hauptsächlich für Reiter, Kutschen und Fuhrwerke konzipierten Straßen und Wege in Stadt und Land waren. Auch Separation stand nicht im Vordergrund.«
Luftreifen für Fahrräder gab es erst seit 1888 (Dunlop und Michelin). Bis dahin waren Fahrräder als Knochenschüttler berüchtigt.
»Erst am Ende der zwanziger Jahre, als für den wachsenden Automobilverkehr und auch für die Radfahrer die Straßen schon deutlich verbessert waren, wird das Motiv Schutz vor dem schnellen Autoverkehr eingeführt. Der Radwegebau kam erst am Ende der zwanziger Jahre in Gang, als der massenhafte Radverkehr (12 Millionen) den reibungslosen Fluss des schnellen Autoverkehrs (noch nicht einmal 1 Million Autos), störte.« Briese nennt einen »Anstieg von etwa 12 Millionen Radfahrern um 1927 auf fast 20 Millionen im Jahr 1939.«
Die Benutzung von Radwegen und damit die freie Autofahrt auf vielen Straßen, ist seit 1926 vorgeschrieben und wird seit 1934 massiv propagiert und zur zentralen Verhaltensregel für Radfahrer.3
Die ersten drei Pflichten der Radfahrer von 1938 haben – zumindest in den Köpfen der Autofahrer – bis heute überlebt:
1. Scharf rechts am Rand der Fahrbahn fahren!
2. Grundsätzlich nicht neben anderen Radfahrern fahren!
3. Immer die Radwege benutzen!
»Fahre möglichst nicht auf Radwegen.«
Es gibt aber auch eine alternative Version von 10 Geboten für Radfahrer aus dem Jahr 2014.4
Da lautet das 3. Gebot: »Fahre möglichst nicht auf Radwegen«.
Die Zehn Gebote des sicheren Radfahrens nach Bernd Sluka
- Du fährst ein Fahrzeug. Fahre so, wie Du beispielsweise auch Auto fahren würdest
- Sehen und gesehen werden – in dieser Reihenfolge.
- Fahre möglichst nicht auf Radwegen.
- Gehwege sind tabu.
- Nutze den Dir zustehenden Raum auf der Straße.
- Nebenstrecken sind problematischer als Hauptstraßen.
- Fahre eindeutig und berechenbar.
- Fahre nach außen offensiv, aber innerlich defensiv.
- Keine Minderwertigkeitskomplexe – Du bist der Verkehr.
- Überprüfe regelmäßig Dein Fahrrad.5
Zumindest das zehnte Gebot hat sich in 90 Jahren kaum verändert:
»Dein Fahrrad stets in verkehrssicherem Zustand halten!«

Auch der Slogan »Augen auf im Straßenverkehr« wird bis heute verwendet. Nur der Fokus hat sich etwas verändert:
Bei Tempo 30 ist der gesamte Anhalteweg eines Autofahrers kürzer als der Reaktionsweg bei Tempo 50. Wo der eine schon steht, fährt der andere immer noch mit 50 km/h.
- https://nfg.hypotheses.org/1146#more-1146 ↩︎
- https://nfg.hypotheses.org/1130 ↩︎
- Volker Briese; Besondere Wege für Radfahrer. Zur Geschichte des Radwegebaus in Deutschland von den Anfängen bis 1940 (Pdf, 2011) ↩︎
- https://bw.vcd.org/der-vcd-in-bw/karlsruhe/die-10-gebote-des-sicheren-radfahrens (2014) ↩︎
- http://bernd.sluka.de/Radfahren/10Gebote.html ↩︎