Bild: Viktoriastraße (Husemannplatz) am Weltfahrradtag 2026. Geht es nach dem politischen Willen der Stadt Bochum, wird es an dieser Stelle nie wieder eine Viktoriastraße geben und auch keinen Radweg.
Am 3. Juni 2026 ist Weltfahrradtag1. Deutschlandfunk Kultur hat das zum Anlass genommen, die Weltfahrradstadt Utrecht vorzustellen.2
Große, breite, rote Straßen verweben sich wie ein Pilzgeflecht in der Innenstadt Utrecht. Und nein, diese sind nicht für die motorisierten Fahrzeuge auf vier Rädern vorgesehen, sondern für Fahrräder.
Utrecht ist die fahrradfreundlichste Stadt der Welt – jedenfalls nach dem Kopenhagenize-Index3. Bei der letzten Erhebung vor einem Jahr erreichte Utrecht den Spitzenplatz – vor Kopenhagen. Münster erreicht immerhin Platz sieben. Davor liegen Gent, Amsterdam, Paris und Helsinki. Bochum kommt nicht vor, könnte aber dabei sein. Es müsste nur mitmachen, dann hätte es Chancen im Wettbewerb um den letzten Platz – das Ranking umfasst nur 30 Städte.
Wir haben viele Straßen, die hauptsächlich für Radfahrer gedacht sind.
Utrecht ist etwa genau so groß wie Bochum. Aber das Fahrradparkhaus am Hauptbahnhof in Utrecht fasst 12.500 Fahrräder4. In Bochum gibt es eine kleine Fahrradstation für nicht einmal 100 Fahrräder und ohne Zugang zu den Gleisen.
In Utrecht gibt es ein dichtes Netz von Straßen für Fahrräder, die die Verbindung zur Innenstadt herstellen. In Bochum gibt es genau eine Straße mit durchgehenden – aber mangelhaften – Radwegen. Und dem Bochumer Radkreuz in der Innenstadt wird gerade ein Arm amputiert. So wird das Radkreuz zum Raddreieck, ohne Verbindung nach Süden.
Das Paradies gibt es, weil man schon lange darauf hingearbeitet hat.
Verglichen mit Utrecht bietet Bochum bis heute ein Bild das Jammers.
Dabei ist Utrecht keine 200 km von Bochum entfernt. Man könnte mit dem Fahrrad in einem Tag dort sein. Aber es gibt keinen Radschnellweg dorthin.
1962 fand in Bochum die große Verkehrswende statt: Bochum wurde Autostadt. Dafür wurde ganz Bochum umgekrempelt – und endgültig fahrradfeindlich. Aus Radwegen wurden großflächig Parkstreifen. Und Bochum wurde Universitätsstadt: Die RUB wurde auf die grüne Wiese gebaut. Mit Universitätswohnstadt und Autobahnanschluss, aber selbstverständlich komplett fahrradfrei. Bochum leidet bis heute daran.
Die Hauptaufgabe aber ist es, den Raum für das Auto zu verkleinern.
1970 war das Jahr mit den meisten Verkehrstoten in der alten Bundesrepublik. Damals starben 21.332 Menschen auf den Straßen des damaligen Bundesgebiets. 1973 folgte die sogenannte Ölkrise mit vier staatlich verordneten autofreien Sonntagen.
Zu diesem Zeitpunkt waren die Niederlande genauso Autoland wie die Bundesrepublik. Auch die Niederlande hatten ihr Wirtschaftswunder. Aber in den Niederlanden begann eine nachhaltige Verkehrswende, ausgelöst durch eine große Protestwelle gegen die toten Kinder auf den Straßen5.
In manchen Fällen kamen in den Niederlanden in einem einzigen Jahr über 500 Kinder bei Autounfällen ums Leben. Die Protestbewegung wurde als Stop de Kindermoord (wörtlich „Stoppt den Kindermord“) bekannt.
Die im Video dargestellte Entwicklung bis 1970 könnte genauso gut Bochum sein.
Bochum legte 1979 sein erstes Radverkehrskonzept vor. Aber umgesetzt wurde es nicht. Genauso wenig wie alle folgenden bis einschließlich 2023. Das »Pilotprojekt Radwege- und Beschilderungsplan Bochum« von 1987/1988 ist ein bis heute unerreichter Leuchtturm.
Utrecht:
Gerade entsteht am Mehrwedekanal eine Siedlung für rund 12.000 Bewohner – vollkommen autofrei.
Während Utrecht sich als Fahrradstadt stetig weiterentwickelt, hat Bochum gerade sein Radverkehrskonzept von 2023 beerdigt.
Velorouten sollten das Paradebeispiel für Fahrradfreundlichkeit in Bochum darstellen. Aber schon mit der ersten von nur vier geplanten Velorouten ist Bochum jämmerlich gescheitert. Mit jedem weiteren Planung wurde das Scheitern des Konzepts offensichtlicher. Die Planungen für die vierte Veloroute wurden dann schon im Vorfeld eingestellt.
Aber es gibt eine Lösung, die Bochum gerade vorgestellt hat: Man schreibt einfach »möglichst« vor alle Kriterien, die Velorouten definieren sollten. Dann kann man jede noch so untaugliche Wegführung zur Veloroute erklären. Aber so werden aus den versprochenen innerstädtischen Radschnellwegen schlechte Nebenrouten. Von denen gibt es schon genug.
Bochum glänzt, wenn es sich mit fremden Federn schmückt. Ich höre immer wieder, wie beeindruckt Rad fahrende Besucher in Bochum sind, wenn man sie von Bochum aus zu Radtouren ins Ruhrgebiet einlädt. Aber diese Radtouren führen immer über die Bahntrassenwege: Erzbahntrasse, Springorum-Trasse und Lothringen-Trasse hat der RVR gebaut. Die Stadt Bochum schmückt sich nur damit.
Die hochtrabenden Velorouten des Bochumer Radverkehrskonzepts würden tatsächlich Sinn bekommen, wenn Bochum in einem ersten Schritt die Bahntrassen über Velorouten mit der Innenstadt verbinden würde. Aber das ist nicht einmal geplant.
Eine verkehrssichere Verbindung zwischen Springorum-Trasse und Lothringen-Trasse gibt es nicht, obwohl die Gefahrenstellen seit Jahrzehnten bekannt sind.
Bochum erinnert 2026 lieber nicht an den Weltfahrradtag. Es wäre zu peinlich.
- https://de.wikipedia.org/wiki/Weltfahrradtag ↩︎
- https://www.deutschlandfunkkultur.de/weltfahrradtag-utrecht-die-fahrradfreundlichste-stadt-der-welt-100.html ↩︎
- https://copenhagenizeindex.eu/ ↩︎
- https://www.adfc.de/artikel/utrecht-in-zehn-jahren-zur-fahrradstadt-der-superlative ↩︎
- https://de.wikipedia.org/wiki/Radfahren_in_den_Niederlanden ↩︎